Was Gäste nicht wissen: Wie Kalbfleisch aus den Niederlanden als Wiener Schnitzel verkauft wird

Wien/Amsterdam (OTS) – Kaum ein Gericht steht so sehr für Österreich
wie das Wiener
Schnitzel. Über die Herkunft des dafür verwendeten Kalbfleisches
werden Konsument:innen in der Gastronomie jedoch häufig getäuscht: Es
stammt meist nicht aus Österreich, sondern aus den Niederlanden, wo
Kälber aus verschiedenen EU-Ländern unter Bedingungen gemästet
werden, die in Österreich aus Tierschutzgründen nicht zulässig wären.

Die länderübergreifende Recherche der investigativen Plattform
The Marker war am 13. Januar Thema in der ORF-Sendung Report . Dafür
war das Team vor Ort in niederländischen Mastbetrieben und
Schlachthöfen, recherchierte zu Kälbertransporten aus Irland in die
Niederlande und befragte zahlreiche Wiener Restaurants zur Herkunft
des für Kalbsschnitzel verwendeten Fleisches.

Zwtl.: Weißes Kalbfleisch: Produktionsweisen, die in Österreich
verboten sind

Die Niederlande sind der größte Kalbfleischproduzent der
Europäischen Union. Die Branche ist stark konzentriert und wird von
wenigen großen Akteuren geprägt: Kälber aus verschiedenen EU-Ländern
– unter anderem aus Irland – werden in großen Mastbetrieben
zusammengeführt, standardisiert gemästet und anschließend in
industriellen Schlachthöfen geschlachtet und größtenteils exportiert.
Haltungsbedingungen wie die Haltung junger Kälber auf
Vollspaltenböden und eine gezielt eisenarme Fütterung zur Erzeugung
besonders hellen Kalbfleisches sind dabei gängige Praxis und Teil des
etablierten Produktionssystems – in Österreich wären diese Praktiken
laut Tierschutzgesetz verboten.

„Wir haben nicht nur die Größe dieser Industrie gesehen, sondern
auch, wie sie funktioniert: standardisierte Haltungsbedingungen,
große Masthallen und eine Produktion, die auf Effizienz ausgelegt
ist. In den Schlachthöfen wird im Akkord gearbeitet – in einem
Betrieb berichtete ein Arbeiter, dass dort bis zu 150 Kälber pro
Stunde geschlachtet werden“, sagt Ann-Kathrin Freude, Journalistin
bei The Marker .

Zwtl.: Herkunft von Fleisch in der Gastronomie meist nicht
nachvollziehbar

In Österreich gibt es in der Gastronomie keine verpflichtende
Herkunftskennzeichnung für Fleisch. Gäste können daher meist nicht
nachvollziehen, woher das Kalbfleisch für ihr Wiener Schnitzel stammt
oder unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten wurden.

Im Zuge der Recherche fragten Journalist:innen von The Marker als
Gäste in Dutzenden Restaurants nach der Herkunft des dort verwendeten
Fleisches, darunter auch in renommierten Betrieben, die für ihr
Wiener Schnitzel bekannt sind. Fast alle gaben an, Kalbfleisch aus
Österreich zu beziehen, wobei sich die Angaben teils widersprachen:
In einem Fall wurde vor Ort Österreich genannt, per E-Mail später
jedoch Italien und die Niederlande; in einem anderen Restaurant
erklärte man sowohl vor Ort als auch schriftlich, keine Informationen
über die Herkunft des Fleisches herauszugeben; in einem weiteren
wurde mit „österreichischem Milchkalb aus dem Salzburger Land“
geworben, während telefonisch direkt aus der Küche „EU-Herkunft“
angegeben wurde.

Zur verpflichtenden Herkunftskennzeichnung in der Gastronomie
gibt es derzeit keine einheitliche Linie. Während das
Regierungsprogramm 2025–2029 mehr Transparenz vorsieht, lehnt der
Fachverband Gastronomie der Wirtschaftskammer Österreich – die
Interessenvertretung der Gastronomiebetriebe – eine verpflichtende
Kennzeichnung ab und verweist dabei auf EU-rechtliche und
bürokratische Gründe.

„Solange keine verpflichtende Herkunftskennzeichnung in der
Gastronomie gesetzlich vorgeschrieben ist, bleibt es möglich,
Konsument:innen über die Herkunft von Fleisch im Unklaren zu lassen
oder zu täuschen“, so Tobias Giesinger, Journalist bei The Marker .

Zwtl.: Markt: Österreich importiert Kalbfleisch und exportiert
lebende Kälber

Österreich deckt seinen Bedarf an Kalbfleisch großteils durch
Importe. Rund 87 Prozent des importierten Kalbfleisches stammen aus
den Niederlanden, während gleichzeitig zehntausende lebende Kälber
aus Österreich zur Mast in andere EU-Staaten exportiert werden.
Insgesamt importiert Österreich mehr Kalbfleisch, als hierzulande
produziert wird – obwohl der Selbstversorgungsgrad bei Rindfleisch (
inkl. Kalb) bei rund 148 Prozent liegt.

Für die Gastronomie ist importiertes Kalbfleisch besonders
attraktiv, da es meist günstiger ist und eine gleichmäßige, helle
Fleischfarbe aufweist. Diese wird durch eisenarme Fütterung erzielt –
eine Praxis, die in Österreich aus Tierschutzgründen verboten ist.

Vera Pokorny, freie Journalistin für The Marker , hat die
Produktions- und Handelsdaten ausgewertet: „Dieses Paradoxon
entsteht, weil Kälber in Österreich vor allem als Nebenprodukt der
Milchproduktion anfallen, während Mast und Schlachtung zunehmend in
spezialisierte Betriebe im Ausland verlagert wurden.“