Hannover (OTS) – Ghosting liegt in der Architektur der
Dating-Plattformen – aber wir
können uns anders verhalten
Aktuelle Studien zeigen, dass die Nutzung von Dating-Apps mit
erhöhter Einsamkeit und psychischer Belastung einhergehen kann,
während gleichzeitig viele Nutzer von Ghosting-Erfahrungen berichten.
Vor diesem Hintergrund rückt das Phänomen Ghosting zunehmend in den
Fokus der öffentlichen und wissenschaftlichen Diskussion.
Ghosting beim Online-Dating ist der einseitige, erklärungslose
Kontaktabbruch, obgleich bereits ein werthaltiger Austausch
miteinander stattgefunden hat. Psychologe, Dating-Coach und
Mitgründer der psychologischen Partnervermittlung Gleichklang Guido
F. Gebauer benennt in einem ausführlichen Fachtext und einem
begleitenden Video vier miteinander verwobene Faktorenbündel, die
erklärungsloses Verschwinden begünstigen.
Die vier Treiber von Ghosting
1. Strukturen der Dating-Plattformen Große Auswahl potenzieller
Kontakte, Swipe-Mechanik, fehlende soziale Einbettung, Anonymität und
technische Funktionen wie Blockieren erleichtern den abrupten
Abbruch. Kontakte können ebenso leicht entstehen, wie sie beendet
werden können. Da zwischen den Teilnehmenden bei Dating-Plattformen
in der Regel keine gemeinsamen Netzwerke bestehen, entfallen soziale
Sanktionen – die Hemmschwelle sinkt.
2. Selbstschutz und Unsicherheitsreduktion Psychologisch betrachtet
ist Ghosting eine Vermeidungsstrategie: Es hilft, unangenehme
Gespräche, direkte Ablehnung, Konflikte, aggressive Reaktionen oder
das Gefühl, jemanden zu enttäuschen, zu umgehen. Auch eine geringe
Toleranz für Mehrdeutigkeit (Ambiguität) spielt eine Rolle.
Kurzfristig entlastet Ghosting, langfristig beeinträchtigt es die
Beziehungsfähigkeit.
3. Normative Normalisierung Wenn Ghosting allgegenwärtig ist,
entsteht der Eindruck, man schulde einander keine Erklärung mehr. Das
Verhalten wird zunehmend als normaler Bestandteil des
Kennenlernprozesses betrachtet. Es handelt sich um eine Norm, die
sich unbewusst beim Einzelnen und in der Gesellschaft verfestigt.
4. Zyklizität Wer selbst geghostet wurde, ghostet später mit höherer
Wahrscheinlichkeit selbst. Das eigene Erleben verschiebt die Normen
weiter und gewöhnt an den erklärungslosen Abbruch. Ghosting wird zu
einem sich selbst verstärkenden Kreislauf.
Unbeabsichtigtes Ghosting durch Aufschieben und Vergessen
Ein weiterer Befund aus einer eigenen Befragung von 1.138
Gleichklang-Mitgliedern, darunter 642 Frauen, 481 Männer und 15 non-
binäre Personen im Alter von 18 bis 84 Jahren, ergibt, dass es auch
harmlose Erklärungen gibt:
– Ghosting geschieht manchmal unbeabsichtigt durch Aufschieben von
Antworten, das im Vergessen endet oder wo sich die Betreffenden nach
abgelaufener Zeit nicht mehr trauen, sich zu melden. 5,9 % der
Befragten mit eigenem Ghosting-Verhalten beschrieben in der Befragung
genau diesen Ablauf.
Laut Gebauer handelt es sich hier um ein Pseudo-Ghosting, welches
nur den Anschein eines echten Ghostings macht. Jedoch können die
Betroffenen dies oft nicht unterscheiden. Wegen der Möglichkeit eines
solchen Pseudo-Ghostings sei es in jedem Fall sinnvoll, bei
scheinbarem Ghosting auch selbst noch einmal einen Kontaktversuch zu
starten.
Dating nimmt zu – Partnerfindung nimmt ab
Ghosting ist nicht nur ein individuelles Ärgernis, sondern wirkt
sich laut Gebauer auch auf die Chancen der Partnerfindung aus.:
– „Studien zeigen, dass in den meisten Beziehungen in den
Anfangsphasen Irritationen und Turbulenzen auftreten, deren Klärung
eine Beziehung sogar vertiefen kann. Wird aber bereits beim
Kennenlernen auf je de Irritation mit Ghosting reagiert, gehen
Klärungschancen verloren und Beziehungschancen sinken.“
Gebauer verweist darauf, dass mit dem Aufkommen der Dating-Apps
die Single-Raten nicht gesunken, sondern gestiegen sind. Er hält dies
für keinen Zufall:
– „Es sind dieselben Strukturen der Dating-Plattformen, die sowohl
Ghosting begünstigen als auch die Klärungsbereitschaft vermindern und
dadurch zu steigenden Single-Raten führen. Dieselben Strukturen, die
Ghosting fördern, senken auch die Bereitschaft, Konflikte zu klären.
Das führt am Ende zu mehr Singles, nicht weniger.“
Was Betroffene tun können
Gebauer führt aus, dass Betroffene ihre eigene Vermeidungstendenz
reflektieren sollten, anstatt reflexhaft Kontakte abzubrechen, und
dass sie bereit sein sollten, auch schwierige Gespräche zu führen und
aktiv in die Klärung zu gehen, indem sie unbequeme Fragen stellen und
Beziehungsprozesse ausdrücklich kommunizieren.
Er erklärt weiterhin, dass es notwendig sei, Ambiguität
auszuhalten und nicht jede Unsicherheit sofort beenden zu wollen,
weil gerade diese Fähigkeit zum Umgang mit Unsicherheit eine zentrale
Voraussetzung für das Entstehen tragfähiger Beziehungen darstelle.
Zudem empfiehlt Gebauer, sich bewusst gegen die Normalisierung
von Ghosting zu stellen und Ghosting nicht als legitimen Standard zu
akzeptieren, da diese innere Haltung darüber entscheidet, ob man
selbst Teil des Kreislaufs wird oder ihn durchbricht.
Schließlich rät Gebauer dazu, sich auf Ghosting vorzubereiten und
sich dadurch gegenüber seinen negativen Folgen zu immunisieren. Auf
diese Weise könne man lernen, nicht selbst durch erlebtes Ghosting zu
einem Ghoster zu werden und gleichzeitig mit einer gewissen
Gelassenheit offen zu bleiben, sich erneut auf einen anderen Menschen
auszurichten.
Die psychologischen Erkenntnisse über Ghosting lassen sich nach
Gebauer letztlich folgendermaßen verdichten:
– „Ghosting entsteht aus einem Zusammenspiel von Plattformlogiken,
psychologischen Schutzmechanismen, schleichender Normalisierung und
einem zyklischen Teufelskreis. Wer diese Mechanismen erkennt, kann
bewusst anders handeln und den Mut aufbringen, Irritationen
miteinander zu klären.“

