Wien (OTS) – Im Rahmen des Erinnerungsprojekts „Der Gemeindebau in
der NS-Zeit“
wurde am Karl-Marx-Hof eine neue Gedenktafel enthüllt. Das Datum ist
bewusst gewählt: Denn am 14. Juni 1938 begann die Delogierung
jüdischer Bewohner*innen aus den Wiener Gemeindebauten durch die
Nationalsozialisten.
Zu dieser Zeit wohnten im Karl-Marx-Hof 212 Menschen mit
jüdischen Wurzeln. Sie mussten ihre Wohnungen innerhalb einer
Kündigungsfrist von zwei Wochen verlassen. Knapp zwei Drittel haben
die NS-Zeit überlebt, bei 67 Personen konnte die Flucht rekonstruiert
werden. Viele hingegen wurden interniert, in Konzentrations- und
Vernichtungslager deportiert und wurden Opfer der Shoah.
Die Gedenktafel erinnert an insgesamt 46 Jüdinnen und Juden, die
im Karl-Marx-Hof gelebt haben und bis 1945 durch die
Nationalsozialisten ermordet wurden. Grundlage dafür ist die
umfassende Forschungsarbeit „Der Gemeindebau in der NS-Zeit“ des
Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), die
zwischen 2022 und 2025 im Auftrag von Wiener Wohnen durchgeführt
wurde.
An der Gedenkveranstaltung nahmen neben Wohnbaustadträtin Elke
Hanel-Torsch, Wiener Wohnen-Vizedirektor Johannes Pritz, IKG-
Vizepräsidentin Claudia Prutscher, der wissenschaftliche Leiter des
DÖW Dr. Andreas Kranebitter sowie Dr. Rudolf Müller (DÖW) teil.
„Der Gemeindebau war und ist seinen Bewohnerinnen und Bewohnern
immer mehr als nur Wohnraum – er war Lebensmittelpunkt, Heimat und
Schutzraum. Umso wichtiger ist es, auch die dunklen Kapitel dieser
Geschichte sichtbar zu machen. Die neue Gedenktafel erinnert an
Menschen, die entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Denn
Erinnerung braucht konkrete Orte und konkrete Namen“, betont
Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch.
„Das Forschungsprojekt zu den Gemeindebauten gehört zu den
Projekten, die mir am wichtigsten sind. Es zeigt, wie totalitäre
Systeme wie der Nationalsozialismus jeden Lebensbereich betreffen, es
handelt vom jüdischen Arzt aus der Nachbarschaft, dem kleinen
Gewerbetreibenden im Straßenlokal und den vielen Mieter*innen, die
entrechtet, vertrieben und ermordet wurden. Es handelt aber auch von
denjenigen, die diese Praxen, Geschäftslokale und Wohnungen
übernommen und vom Nationalsozialismus profitiert haben. Umso mehr
freut es mich, dass der Karl-Marx-Hof nun so prominent an diejenigen
erinnert, die gewaltsam aus der Gemeinschaft dieses Gemeindebaus
gerissen wurden“, erklärt Andreas Kranebitter, Wissenschaftlicher
Leiter des DÖW.
„Mit Beschluss vom 14. Juni 1938 haben die Nationalsozialisten
tausende jüdische Mieterinnen und Mieter systematisch aus ihren
Gemeindewohnungen vertrieben. Hinter jeder Delogierung stand ein
menschliches Schicksal, das leider oftmals in der Ermordung endete.
Die Forschung hat viele dieser Geschichten wieder sichtbar gemacht.
Mit der Gedenktafel geben wir den vertriebenen und ermordeten Frauen,
Männer und Kinder vom Karl-Marx-Hof ihre Namen und ihren Platz in der
Erinnerung zurück“, so Wiener-Wohnen-Vizedirektor Johannes Pritz.
Neuauflage: Stadtführungen gegen das Vergessen
Das Forschungs- und Erinnerungsprojekt „Der Gemeindebau in der NS
-Zeit“ umfasste neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung auch
Publikationen, Ausstellungen, Gedenkveranstaltungen und geführte
Stadtrundgänge durch verschiedene Wiener Bezirke. Die 2025
gestarteten Stadtführungen stießen auf außergewöhnlich großes
Interesse: Rund 850 Wiener*innen nahmen im Vorjahr an den Touren
teil. Aufgrund der großen Nachfrage werden nun zusätzliche Rundgänge
angeboten. Neu im Programm ist erstmals ein Rundgang durch den 12.
Bezirk.
Die neuen Termine:
· 7./8. Bezirk: 31. August 2026, 17.00 Uhr
· 22. Bezirk: 2. September 2026, 17.00 Uhr
· 12. Bezirk (neu): 4. September 2026, 17.00 Uhr
· 2. Bezirk: 5. September 2026, 14.00 Uhr
Teilnahme & Anmeldung:
Die Teilnahme an den Spaziergängen ist kostenlos , um
rechtzeitige Anmeldung – spätestens eine Woche vor dem Termin – wird
ersucht, und zwar unter der Wiener Wohnen Service-Nummer 05 75 75 75
bzw. unter der E-Mail-Adresse [email protected] .
Weitere Infos finden Sie unter
https://nievergessen.wienerwohnen.at/stadtfuehrungen .


