Wien (OTS) – Dass Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt erleben,
häufiger an
psychischen Erkrankungen leiden und ein erhöhtes Risiko für
suizidales Verhalten aufweisen, ist aus Studien auf individueller
Ebene bereits bekannt. Ein Forschungsteam der Medizinischen
Universität Wien zeigt nun, dass dieser Zusammenhang auch auf
Bevölkerungsebene besteht. Die aktuell im „Journal of Interpersonal
Violence“ veröffentlichten Studienergebnisse können erstmals
aufzeigen, dass ein höheres Maß an geschlechtsspezifischer Gewalt mit
höheren Suizidraten bei Frauen assoziiert ist.
Im Rahmen der Studie analysierte das Forschungsteam um Armin
Trojer, Daniel König-Castillo und Stephan Listabarth (Klinische
Abteilung für Sozialpsychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie
und Psychotherapie, MedUni Wien) nationale Daten aus 37 Ländern der
WHO-Region Europa. Als Grundlage diente der international etablierte
„Violence against Women Index“ (VAWI), der das Ausmaß an
geschlechtsspezifischer Gewalt in Ländern anhand von elf Indikatoren
aus vier übergeordneten Gewaltformen erfasst. Zu diesen gehören
körperliche, sexuelle und psychische Gewalt sowie Formen der
Benachteiligung, die Frauen in ihrer wirtschaftlichen
Selbstständigkeit einschränken (sozioökonomische Gewalt). Die VAWI-
Werte wurden mit den altersstandardisierten weiblichen Suizidraten
der jeweiligen Länder verglichen. Um den Zusammenhang möglichst
belastbar zu untersuchen, berücksichtigten die Forschenden außerdem
weitere Faktoren, die Suizidraten beeinflussen können, darunter das
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, die Arbeitslosenquote sowie Kennzahlen
zur Gesundheitsversorgung und Kriminalität.
Bessere Datenerfassung für gezielte Prävention
Die Analysen zeigen einen signifikanten Zusammenhang: VAWI-Werte ab
einem mittleren Bereich gingen mit höheren weiblichen Suizidraten
einher. Im Bereich niedriger VAWI-Werte zeigte sich hingegen ein
gegenteiliger Zusammenhang. „Dieses Ergebnis könnte sich aus den
Unterschieden in der Erfassung von Gewalt gegen Frauen und von
Suiziden zwischen den Ländern erklären. Beide Faktoren können
statistische Analysen auf Bevölkerungsebene beeinflussen“, erklärt Co
-Studienleiter Daniel König-Castillo. Die zwischen 0 und 1
angegebenen VAWI-Werte der untersuchten Länder reichen von 0,035 in
Norwegen bis 0,292 in Moldawien. Die weiblichen Suizidraten liegen
zwischen 1,24 Todesfällen pro 100.000 Frauen in Griechenland und 8,54
pro 100.000 Frauen in Belgien. In Österreich beträgt der VAWI-Wert
0,096, mit 5,74 Todesfällen pro 100.000 Frauen ist die weibliche
Suizidrate vergleichsweise hoch.
Geschlechtsspezifische Gewalt zählt weltweit zu den häufigsten
Menschenrechtsverletzungen: Nach Schätzungen der
Weltgesundheitsorganisation ist etwa jede dritte Frau im Laufe ihres
Lebens davon betroffen. Studien haben bereits gezeigt, dass solche
Gewalterfahrungen das Risiko für psychiatrische Erkrankungen und
suizidales Verhalten erhöhen können. Die nun veröffentlichte
Untersuchung erweitert dieses Wissen um eine multinationale Analyse
auf Bevölkerungsebene, die verschiedene Dimensionen
geschlechtsspezifischer Gewalt berücksichtigt. „Gleichzeitig macht
unsere Studie deutlich, wie wichtig eine möglichst vollständige und
international vergleichbare Datenerhebung ist. Gewalt gegen Frauen
und Suizide werden nach wie vor nicht überall gleichermaßen erfasst.
Verbesserungen in diesem Bereich würden nicht nur die Datenlage für
weitere Forschung stärken, sondern auch dazu beitragen, das Thema zu
enttabuisieren und die Planung von gezielten Präventionsmaßnahmen zu
erleichtern“, sagt Studienleiter Stephan Listabarth.
Publikation: Journal of Interpersonal Violence
Analyzing the association of gender-based violence on national
suicide rates – a multinational ecological study.
Armin Trojer, Thomas Waldhoer, Lea Sommer, Sabine Weber, Antonia
Renner, Marion C. Aichberger, Sophia Geßner, Benjamin Vyssoki, Daniel
König, Stephan Listabarth.
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/08862605261463256


