Wien (PK) – Nachdem der Verfassungsausschuss des Nationalrats gestern
ein
Reformpaket zur Stärkung der Rechte der autochthonen Volksgruppen auf
den Weg gebracht hat (siehe Parlamentskorrespondenz Nr. 620/2026 ),
stand das Thema Donnerstagabend auch im Mittelpunkt einer Lesung und
Diskussion in der Parlamentsbibliothek. Zwei der sechs autochthonen
Volksgruppen – konkret die slowenische in der Steiermark und in
Kärnten sowie die tschechische in Wien – wurden dabei im Rahmen der
Veranstaltungsreihe „Literatur am Ring“ in den Mittelpunkt gerückt.
Unter dem Titel „Starke Worte | Močne besede | Silná slova.
Minderheitenschutz zwischen Recht und Politik“ diskutierten deren
Volksgruppenvertreterinnen und -vertreter gemeinsam mit Expertinnen
und Experten über die nächsten Ziele in der Minderheitenpolitik,
aktuelle Problemfelder und die historische Entwicklung von
Minderheitenrechten.
Im Rahmen der Veranstaltung wurden Passagen aus dem von Christoph
Bezemek herausgegebenen Buch „Die Schönheit und Eleganz der
österreichischen Bundesverfassung“ vorgelesen. In dem Textband widmen
sich die einzelnen Autorinnen und Autoren aus ihrer Sicht den
zentralen Bestimmungen der Verfassung, wie dem für Volksgruppen
zentralen Artikel 8.
Anlässlich des vor 50 Jahren beschlossenen Volksgruppengesetzes
rückt die Veranstaltungsreihe „Literatur am Ring“ dieses Jahr die
Volksgruppen ins Zentrum. Im Herbst soll eine weitere Lesung zu
diesem Schwerpunkt stattfinden.
Parlamentsdirektor Dossi: Die Kraft der Gesetze
Gesetze würden, sobald sie in Kraft getreten sind, ihre Kraft
entfalten und etwas bewirken, sagte Parlamentsdirektor Harald Dossi
in seinen Begrüßungsworten. In ihrer Entstehung sei im Vorfeld ebenso
Kraftanstrengung notwendig, um ihnen schließlich diese Kraft zu
verleihen. Vor 50 Jahren sei viel Kraft insbesondere seitens der
Vertreterinnen und Vertreter der Volksgruppen notwendig gewesen, um
den entscheidenden Schritt in Richtung eines Volksgruppengesetzes zu
erreichen. Dossi zeigte sich überzeugt, dass es ebensolche weitere
positive Entwicklungen und Verbesserungen geben werde.
Weitlaner: Stärkung der Bildung für Volksgruppen wichtig
Seit dem Staatsvertrag 1955 habe es bis zur Gründung ihres
Vereins 1988 eigentlich keine Aktivitäten für die slowenische
Volksgruppe in der Steiermark gegeben, sagte Susanne Weitlaner,
Obfrau des Artikel-VII-Kulturvereins und Vorsitzende im
Volksgruppenbeirat für Slowenen in Kärnten und in der Steiermark. In
der Zwischenzeit konnten Meilensteine wie der Ankauf des Pavelhauses
– Pavlova hiša oder die Stärkung des Sprachangebots erreicht werden.
Für die Zukunft würde sie sich auch für die Steiermark ein
Sprachenprogrammwie das Interreg-Projekt in Niederösterreich für
Kindergärten und Volksschulen, wünschen. Ebenso würde sie in Graz und
Bad Radkersburg eine durchgängige Schulbildung in slowenisch
befürworten.
Hanzl: Mit richtigem Angebot und laufender Weiterentwicklung
keine Sorge um Volksgruppensprachen
Es sei sehr „wohltuend“ für Volksgruppen im Parlament so
willkommen zu sein, denn das sei für seine Vorfahren nicht
selbstverständlich gewesen, eröffnete Karl Hanzl, Vorsitzender im
Volksgruppenbeirat der Tschechen und Obmann des Komenský
Schulvereins. In den vergangenen 30 Jahren sei bei der Komenský
Schule für seine Volksgruppe durch die Mitarbeit engagierter Menschen
und laufende Anpassungen viel verändert und erreicht worden. Damit
sei die Schule heute ein „echter Musterbetrieb“. Die kroatische und
die slowenische Volksgruppen müssten sich bewusst werden, dass sie an
einem Scheideweg stünden. Mit ihrem bisherigen Angebot würden diese
ihre Volksgruppen nicht ausreichend erreichen. Es sollte daher ihr
Ziel sein, den Spracherwerb vom Kindergarten bis zur Matura
sicherzustellen. Das Modell der Komenský Schule sei hier zielführend,
zeigte sich Hanzl überzeugt. Man müsse Vereine einbeziehen und
Menschen begeistern. Dann brauche man sich keine Sorgen mehr um die
Volksgruppensprachen machen.
Pirker: Partizipation, Sensibilisierung und Bildung zentrale
Herausforderungen in Europa
In vielen Staaten sehe man ähnliche Herausforderungen, erklärte
der Grazer Universitätsprofessor Jürgen Pirker. So sei oftmals die
Frage, wie die Partizipation der Minderheiten im politischen Prozess
sichergestellt werden könne. In Österreich seien hier viele
Plattformen vorhanden, man könnte aber eine Weiterentwicklung etwa
mit verpflichtenden Anhörungsrechten überlegen. Bewusstseinsbildung
über den kulturellen Reichtum von Minderheitensprachen sei oftmals
auch ein Problem. Ebenso sei es wichtig, Bildung mit Spracherwerb
durchgehend vom Kindergarten bis zur Matura und den Hochschulen zu
ermöglichen.
In der Vergangenheit seien eigentlich alle Schritte im
Minderheitenrecht infolge von Druck erfolgt, erläuterte Pirker. So
sei etwa 1976 das Volksgruppengesetz als Antwort auf den
„Ortstafelsturm“ verabschiedet worden. Ebenso sei infolge eines
Attentats auf vier Angehörige der Volksgruppe der Roma autochthone
Vielfalt als Staatszielbestimmung aufgenommen worden. Autochthonie
bedeute historische Verwurzeltheit auf einem Staatsgebiet. Eigentlich
alle europäischen Staaten würden solche Gruppen anerkennen,
Migrationsminderheiten hingegen aber nicht. In Österreich gebe es
sechs autochthone Volksgruppen. Es habe in der Vergangenheit auch
Bestrebungen von anderen Gruppen gegeben, als solche anerkannt zu
werden.
Eine zunehmende Herausforderung sei aktuell die durch die
Mobilität bedingte Abwanderung aus den autochthonen Siedlungsgebieten
in größere Städte, wo die Angehörigen der Volksgruppen aber weniger
stark geschützt seien. Deswegen würden Diskussionen laufen, dieser
Gruppe auch in den Städten eine Ausbildung zu ermöglichen. Generell
sei es wichtig, dass in allen Schulen in Österreich erklärt werde,
welche Sprachen zum historischen Erbe Österreichs gehören würden,
befand Pirker.
Polzer-Srienz: Volksgruppen nicht nur erhalten, sondern fördern
Die letzten 15 bis 20 Jahre habe es in Kärnten sehr gute
Entwicklungen im Volksgruppenbereich gegeben, erklärte die Leiterin
des Kärntner Volksgruppenbüros Mirjam Polzer-Srienz. Die
Herausforderungen, die es in dieser Zeit immer wieder gegeben hat,
würden letztlich das Bewusstsein in der Mehrheitsbevölkerung stärken,
die Volksgruppen nicht nur zu erhalten, sondern auch zu fördern.
Das Volksgruppenbüro widme sich allen Belangen der slowenischen
Volksgruppe und soll den Dialog fördern. Im Laufe seiner Geschichte
habe es laufend Weiterentwicklungen der Aufgaben gegeben.
Hinsichtlich der aktuellen Diskussion zum Recht der slowenischen
Volksgruppe, in bestimmten Gebieten in slowenischer Sprache mit
staatlichen Behörden und Gerichten kommunizieren zu können, meinte
Polzer-Srienz, dass die Rechtslage grundsätzlich „ziemlich klar“,
aber schwer durchschaubar sei. Die nunmehrige Lösung der
Bundesregierung sei ein erster Schritt, weitere seien aber notwendig.
Generell sei es dem Volksgruppenbüro ein Anliegen, slowenisch in
allen Lebensbereichen und im Zuständigkeitsbereich des Landes so weit
wie möglich im öffentlichen Raum zu präsentieren.
Cikán: Sprache ist etwas wirklich Schönes und Magisches
Es sei wichtig, eine positive Beziehung zur Sprache von klein auf
zu fördern und so eine gute Beziehung zu dieser aufzubauen, sagte der
in Prag geborene und seit 1991 in Wien lebende Autor, Übersetzer und
Verleger Ondřej Cikán. So könnten Kinder spüren, dass Sprache etwas
„wirklich Schönes und Magisches“ ist und damit neugierig auf andere
Sprachen gemacht werden. Das würde den Stellenwert der Volksgruppen
heben und für ein besseres Miteinander sorgen, meinte er. (Schluss)
pst
HINWEIS: Fotos dieser Veranstaltung sowie eine Nachschau auf
vergangene Veranstaltungen finden Sie im Webportal des Parlaments .


